Mit der Cargomaschine um die Welt


Die Chancen mit einer Boeing 747-8F um die Welt zu fliegen halten sich für gewöhnlich eher in Grenzen. Denn das „F“ bei der Bezeichnung 747-8F steht für „Freight“ und bezeichnet demzufolge die Cargovariante dieses modernen Jumbojets. Und wer darf schon mit einer Cargomaschine mitfliegen, es sei denn, man arbeitet bei einer Cargofluglinie? Richtig: wir. Denn wir arbeiten „für“ eine Cargofluglinie (AirBridgeCargo, Neupositionierung, weltweites Foto- und Filmshooting). Tja, das ist schon ein besonderes Erlebnis. Noch dazu wo die Passagieranzahl inklusive der Crew auf maximal 8 Personen begrenzt ist.


Bevor wir von ABC die Erlaubnis erhalten, müssen wir unseren Strafregisterauszug vorlegen, mehrere Seiten Regelwerk unterschreiben, wo wir darüber informiert werden, was wir mit an Bord nehmen dürfen und was wir auf keinen Fall mit an Bord nehmen dürfen. Keine Schneebälle zum Beispiel. Dass wir den Befehlen des Piloten unterstehen, ist selbstverständlich. Also unterschreiben wir. 



Danach bekommen wir unmittelbar vor dem Flug ein gutes altes Papierticket. Ich persönlich finde Papiertickets zum Angreifen ja viel schöner, wahrscheinlich weil ich mit dieser speziellen Haptik unzählige Erinnerungen an erlebte Abenteuer in meiner Vergangenheit verbinde.

Gemeinsam mit der Crew erfahren wir bei der Abwicklung eine Sonderbehandlung. Alles geht schneller, effizienter und ohne in der Schlange stehen zu müssen werden wir direkt durch die Kontrollen geschleust. Anschließend werden wir von einem Flughafenmitarbeiter zur Maschine gebracht. Einmal bin ich dabei allerdings mit meinem Wulst an Gepäck versehentlich falsch abgebogen. Eine Schlange an Touristen vor dem Zubringerbus zum Flugzeug und eine Stewardess sind entsetzt. Sie versteht nicht, wie ich es mit all dem Gepäck bis auf das Flugfeld geschafft habe. Als Cargopassagier gibt man sein Gepäck nicht auf, sondern nimmt alles persönlich mit ins Flugzeug. Im Laderaum der Cargomaschine wird es dann fachgerecht verzurrt, bevor wir über die herunterklappbare Treppe vom Laderaum in die Kabine hochsteigen. 



Das Schönste für uns Filmleute: Es gibt keine Probleme mit dem Übergepäck. Da hätte ich glatt meinen ganzen Lieferwagen mit dem Equipment drin mitnehmen können, denke ich mir insgeheim.


Der größte Teil einer Frachtmaschine wird als Laderaum genutzt. Die obere Kabine besteht aus der Pilotenkanzel mit 4 Sitzplätzen und unmittelbar dahinter der Passagierkabine mit 6 Sitzplätzen. Zusätzlich gibt es noch 2 schallisolierte Schlafkabinen für die Crewmitglieder bzw. für Gäste, sofern diese von den Crewmitgliedern den Passagieren überlassen werden.

Das Platzangebot ist enorm. Dagegen verblasst sogar die herkömmliche Businessclass. Ich strecke meine Beine aus und genieße die „Wohnzimmeratmosphäre“.


Die Küche befindet sich links vor der Pilotenkanzel. Das Catering für die wenigen Personen an Bord ist anscheinend kein Kostenfaktor. Das Essen, zumindest bei ABC, hat Top-Qualität und ist in mehr als ausreichender Menge vorhanden. Wir können jederzeit alles nehmen, Essen aufwärmen (normaler Herd, keine Mikrowelle!), und Kaffee runterlassen. Wir fühlen uns über den Wolken richtiggehend zu Hause. Und zwischendurch plaudern wir mit den Crewmitgliedern über ihre Erfahrungen und Lieblingsdestinationen. So entspannte Fernflüge habe ich mir zuvor nicht einmal in meinen kühnsten Träumen vorstellen können.


Die Flugrouten bisher waren auch spannend: Von Moskau nach Chicago sind wir über Grönland geflogen, von Moskau nach Hongkong über Kyrgyztan und die Ausläufer des Himalayamassivs. Immer mit guter Sicht. Aber ein bisschen Glück gehört ja schließlich auch dazu.


Beim Flug von Hongkong zurück nach Moskau haben wir übrigens mit der neuen Sony A7S (Lowlightmonster) tolle Nachtaufnahmen aus dem Cockpit vom Start und von der Landung gemacht. O. k. Ist zwar unser Job, aber ich würde lügen, wenn ich nicht zugeben würde, dass ich auch privat großen Spaß daran habe.


 

by: Klaus Peinhaupt