LUKOIL und die Kreativität

Ja, es stimmt, wir arbeiten gerade an einem großen Auftrag im Onlinebereich für den größten Mineralölkonzern Russlands: LUKOIL. Die erste Frage, die uns gestellt wird, sobald jemand davon erfährt, lautet so gut wie immer: „Wie kommt eine österreichische Agentur zu so einem Kunden?
 
Die Antwort ist kurz: indem man auf internationaler Ebene einen Pitch gegen sieben andere Agenturen gewinnt.
Aber selbstverständlich sind auch die Details dazu interessant. Die Einladung zum Pitch kam recht überraschend. Es begann mit einem kryptischen Anruf und der Bitte um Rückruf, ohne Näheres zu erfahren. Allmählich stellte sich heraus, dass unsere Erfahrung am russischen Markt (Referenzen wie z. B. Aeroflot) zusammen mit unseren Sprach- und Marktkenntnissen sowohl hier als auch vor Ort in Russland für die Kontaktaufnahme ausschlaggebend waren. 
 
Diese Kenntnisse in der Verbindung mit westlichen Sicht- und Vorgehensweisen sind mittlerweile in Russland gefragt, was darauf schließen lässt, dass russische Unternehmen in Zukunft zunehmend in den westlichen Bewusstseinsfokus rücken wollen und werden. 
 
Die Bedingungen für den Pitch waren hart: viel Vorleistung, was Konzept und Entwurfsausarbeitung anbelangt, aber kein Geld für die erste Phase! Normalerweise lehnen wir Pitches ab, da wir im Gegensatz zu großen Agenturen kein B-Team haben und die kostbaren Ressourcen des A-Teams im Vergleich zum möglichen Erfolgs- oder Ablehnungshonorar meist in keinem Verhältnis stehen. Also, mitmachen oder ablehnen? Die einmalige Chance, LUKOIL als Kunden gewinnen zu können, hat uns zugleich fasziniert und begeistert. Die Entscheidung nach einer einzigen Teambesprechung war deshalb einstimmig: Diese Chance bekommen wir nur einmal. Dieses eine Mal machen wir mit.
 
Vier Wochen danach hatten wir bereits unsere ersten Konzepte, Entwürfe und Arbeitsgrundlagen ausgearbeitet. LUKOIL – wenn uns das tatsächlich gelingen würde, wäre es eine kleine Sensation. Das war vor etwas mehr als einem Jahr, im Jänner 2013. 
 
Der einzige Zweifel, den wir zwischenzeitlich kurz hatten, war, ob wir am Ende ohne Nahverhältnis zur Geschäftsführung imstande wären, den Pitch ausschließlich aufgrund unserer guten Leistung zu gewinnen. Als Daniela Grüneis in Moskau nach der ersten Besprechung mit LUKOIL anschließend einen Tee für einen LUKOIL-Mitarbeiter bezahlen wollte und dies mit dem Hinweis auf die strengen internen Unternehmensregeln abgelehnt wurde, wussten wir, dass LUKOIL extrem korrekt agiert und wir eine ehrliche Chance haben. Dieses Erlebnis hat uns zutiefst beeindruckt, denn es führte uns klar vor Augen, dass viele mediale Vorurteile über Russland überzogen sind. Und mal ehrlich: Bei welchen „österreichischen Großkonzernen“ werden Ausschreibungen ohne politische Interventionen, sonstige Einflussnahmen oder Vitamin B auch hinter den Kulissen korrekt entschieden?
 
Danach kamen viele Adaptionen, Verbesserungen und weitere Ausarbeitungen. Das Wichtigste in dieser Phase war die Beständigkeit, auch über Monate hindurch sein Bestes zu geben und keinen Augenblick in der Qualität nachzulassen. Es hat sich gelohnt! Am Ende haben wir den Pitch gewonnen. Faktoren wie Vertrauen, Entgegenkommen, Kreativität, Neuromarketing, strategische Ausrichtung und Proben unserer Umsetzungskompetenz haben Gott sei Dank überzeugt. 
 
Bis zum unterschriebenen Vertrag hat es trotzdem fast ein Jahr gedauert. Aber damit muss man bei großen Konzernen von Anfang an rechnen. Wenn dann aber einmal das „GO“ kommt, streicht der Pfeil von einem Moment auf den anderen blitzschnell vom Bogen in die Realisierungsphase, und das Projekt gewinnt von da an enorm an Fahrt.
 
Am Beginn der Detailausarbeitung zu den einzelnen Bereichen wussten wir sofort, dass es neben uns Alltagskreativen auch Fachkreative gibt, welche bei einem Projekt dieser Größenordnung unersetzbar sind. Vor allem, wenn es um das Fachwissen und die Branchenerfahrung von Investoren und  Journalisten geht. Für welche Informationen interessieren sich diese überhaupt? In welcher Form sollen diese am besten aufbereitet werden? Welche Randinformationen werden von Investoren herangezogen, um die vorhandenen Informationen zu stützen oder zu widerlegen? Nutzen Investoren für Querchecks auch unorthodoxe Quellen? Und wenn ja, inwieweit können wir auch auf die Beurteilung des Inhalts jener Quellen Einfluss nehmen?
Um auf all diese Fragen kompetente Antworten zu bekommen, mussten wir zuerst ein paar Spezialisten aus der Welt der Börse und Investoren kontaktieren, so viel stand fest. Zum Glück zählt auch die EOSS Industries zu unserem Kundenstock. Also beschlossen wir, den Geschäftsführer der EOSS, Mag. Thomas Erkinger, für ein Kreativmeeting zu gewinnen. Über ihn kam auch der Kontakt zu Christian Drastil zustande, die beiden sind miteinander aus ihrer gemeinsamen Zeit beim „Wirtschaftsblatt“ bekannt. Dass wir alleine schon von diesen beiden Teilnehmern viele wertvolle fachspezifische Inputs und Ideen bekommen würden, war uns sofort klar. Das LUKOIL-Kreativmeeting am 10. Jänner führten wir im Knappenhof auf der Rax mit insgesamt zehn Experten aus verschiedenen Bereichen (Börse, Journalismus, IT und Social-Media-Marketing) durch. Manche Teilnehmer, wie z. B. Dr. Paul Blazek (GF cyLEDGE Media) und Susanne Thral (GF Team sisu), kannten wir vorher nicht persönlich, diese haben wir einfach aufgrund ihrer hervorragenden Qualifikationen dazu eingeladen. Mit Alexander Pansi (Falstaff, Presse), Andiy Neuherz (neo-lernhilfen.at), Martin Wohlmuth (GF Synercon Finanz- & Unternehmensberatung) und Rinaldo Wuglitsch (IQ Soft) konnten wir auch bestehende Geschäftspartner und Kunden mit ausgezeichneter Branchenexpertise mit ins Boot holen. Und es hat sich wirklich ausgezahlt. Die Beiträge aller Anwesenden stellten für alle Beteiligten am Ende eine große Bereicherung dar. 
Alle, die mit dabei waren, konnten aus diesem Meeting Wertvolles mit nach Hause nehmen. Und ganz nebenbei wurde durch diese Art der unkonventionellen Zusammenarbeit zugleich auch ein solider Grundstein für die Vertiefung der neuen Kontakte gelegt.
Jetzt geht es darum, die gewonnenen Erkenntnisse und Ideen kreativ in das LUKOIL-Projekt einfließen zu lassen. Und wenn uns das gelingt, werden die Früchte dieser Arbeit den Investoren und Journalisten sicherlich besonders zugutekommen. 
Für ein solches Kreativmeeting verwenden wir eine eigene Technik mit einem ganz speziellen Tisch, der übrigens unser Markenzeichen ist, welcher in fünf färbige Segmente unterteilt ist. Damit zerlegen wir die Fragestellung in die elementaren Bereiche, um diese effektiver – weil ohne Beimengung – analysieren zu können. Die Sinnentsprechungen der einzelnen Farben trennen jede Fragestellung somit in klare Teilbereiche und ermöglichen konstruktives Assoziieren. Die Ausarbeitung erfolgt in Gruppen, die nach jeder Aufgabenstellung neu „zusammengesetzt“ werden. Am Ende werden alle Erkenntnisse in einer Synthese zusammengeführt, um ein neues Gesamtbild zu erhalten. Diese Art von Meeting ist ein Beschleuniger für fundierte Ergebnisse mit einem hohen Kreativitätspotenzial.

by: Klaus Peinhaupt